Vier Tage arbeiten, drei Tage Wochenende – nur ein Traum? Aber nicht doch. Immer mehr Unternehmen, auch in Südwestfalen, testen genau dieses Modell. Erste Erfahrungen zeigen: Die 4-Tage-Woche kann Produktivität und Zufriedenheit steigern, stellt Betriebe aber auch vor organisatorische Herausforderungen. Wir stellen Beispiele aus der Region vor, beleuchten Vor- und Nachteile und geben Tipps für die Umsetzung.
Lokale Praxisbeispiele aus Südwestfalen
Ein bemerkenswertes Beispiel findet sich bei Daub CNC Technik aus Hünsborn bei Wenden. Das Unternehmen hat im Oktober 2022 eine 4-Tage-Woche (36 Stunden bei vollem Lohnausgleich) eingeführt – und hat diese nicht mehr abgeschafft. Denn die Ergebnisse überzeugen: die Produktivität konnte durch Prozessstraffung erhalten bleiben, der Energieverbrauch sank um rund 20 % und das Betriebsklima und die Bewerberlage verbesserten sich deutlich.
Auch das Klinikum Siegen startete als eines der ersten Krankenhäuser deutschlandweit ein Pilotprojekt zur 4-Tage-Woche für die Pflegebeschäftigten. Eine Testgruppe aus Krankenpflegerinnen und -pflegern konnten ihre 38,5 Stunden auf vier Tage verteilen, mit flexiblen Dienstbeginnzeiten – insbesondere sinnvoll für Mitarbeitende mit langen Anfahrtswegen. Nach der sechsmonatigen Testphase zog das Klinikum ein positives Fazit, auch wenn es erkannt hat, dass diese Arbeitszeiteinteilung nicht für alle nur positive Aspekte mit sich bringt. Deshalb soll nun auch für alle anderen Pflegerinnen und Pfleger im Klinikum zwar die 4-Tage-Woche ermöglicht werden – aber nur auf freiwilliger Basis.
Ein weiteres Beispiel: HLH BioPharma in Balve geht im Märkischen Kreis mit vollem Lohnausgleich in die 4-Tage-Woche. Mit 20 % Wochenarbeitszeitreduktion bei vollem Lohnausgleich verspricht sich die Geschäftsführerin Sandra Lüngen ein gesteigertes Wohlbefinden und einen positiven Effekt auf die Arbeitgeberattraktivität. Für diesen innovativen Schritt erhielt sie den Unternehmerpreis 2023 in Südwestfalen.
4-Tage-Woche im Praxistest: Produktiv trotz weniger Stunden
Von Februar bis August 2024 lief in Deutschland ein Pilotprojekt zur 4-Tage-Woche, das von der Universität Münster gemeinsam mit internationalen Partnern begleitet wurde. Das Prinzip war klar: 100 % Leistung in 80 % der Arbeitszeit – bei vollem Gehalt. Die teilnehmenden Unternehmen setzten das Modell auf unterschiedliche Weise um, etwa mit festen freien Tagen oder wechselnden Teams. Über Smartwatches und regelmäßige Befragungen wurden nicht nur wirtschaftliche Kennzahlen, sondern auch gesundheitliche und psychologische Effekte erfasst.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Arbeits- und Lebenszufriedenheit stieg deutlich, Stress und Erschöpfung nahmen ab. Beschäftigte schliefen im Schnitt pro Woche rund 38 Minuten länger, und auch physiologische Werte wie Stressminuten und Aktivitätslevel verbesserten sich. Besonders bemerkenswert: Trotz kürzerer Arbeitszeit blieb die Produktivität stabil oder stieg leicht – begünstigt durch schlankere Prozesse, weniger Meetings und fokussierteres Arbeiten.
Rund 70 % der beteiligten Unternehmen wollen das Modell beibehalten. Für die Forschenden ist klar: Wer bereit ist, Strukturen zu überdenken und Abläufe anzupassen, kann mit einer 4-Tage-Woche nicht nur die Lebensqualität der Mitarbeitenden steigern, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich bleiben.
Vor- und Nachteile der 4-Tage-Woche für KMU
Die Vorteile der 4-Tage-Woche liegen auf der Hand. Unternehmen, die dieses Modell getestet haben und davon überzeugt sind, etwa die Daub CNC, berichten, dass Produktivität und Motivation der Belegschaft trotz reduzierter Arbeitstage stabil geblieben oder sogar gestiegen sind. Gleichzeitig sinken Krankenstände und die Attraktivität als Arbeitgeber steigt – ein nicht zu unterschätzender Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte, insbesondere in Regionen mit Engpässen wie Südwestfalen.
Mitarbeitende schätzen außerdem die zusätzliche Freizeit, die mehr Raum für Familie, Hobbys und Erholung bietet. Einige Unternehmen verzeichnen zudem messbare Ressourceneinsparungen, etwa gesunkene Energiekosten. Auch die Bewerberlage verbessert sich, weil die 4-Tage-Woche als moderner Benefit wahrgenommen wird.
Gleichzeitig gibt es Herausforderungen, die nicht ignoriert werden dürfen. In schicht- oder produktionsabhängigen Branchen ist die Umstellung komplexer, da entweder mehr Personal benötigt oder Arbeitsprozesse grundlegend umorganisiert werden müssen. Viele Unternehmen unterschätzen den Aufwand, den eine solche Veränderung mit sich bringt – vom rechtlichen Rahmen über die Anpassung der Abläufe bis hin zu kulturellen Veränderungen im Betrieb.
Erste Pilotprojekte zeigen zudem, dass nicht jeder Versuch erfolgreich ist: Manche Firmen steigen aus, weil die Belastung im Umstellungsprozess zu groß ist. Hinzu kommt die gesellschaftliche Debatte, in der Skeptikerinnen und Skeptiker vor Wohlstandsverlust warnen und die Wirtschaftlichkeit infrage stellen.
Praxisleitfaden für die Umsetzung
Für Unternehmen, die die 4-Tage-Woche einführen möchten, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen. Außerdem lohnt es sich, Herangehensweisen von solchen Unternehmen anzuschauen, die dies erfolgreich umgesetzt haben. Am Anfang steht nämlich oft ein Pilotprojekt in einem einzelnen Team oder Unternehmensbereich. So lassen sich Erfahrungen sammeln und potenzielle Stolpersteine früh erkennen. Parallel sollten Prozesse auf Effizienz getrimmt werden – etwa durch kürzere Meetings, den Einsatz digitaler Tools oder Automatisierung. Wichtig ist auch, den rechtlichen Rahmen zu prüfen und mit Betriebsrat oder Mitarbeitendenvertretung eng abzustimmen.
Eine offene Kommunikation spielt außerdem eine zentrale Rolle: Die Umstellung sollte als gemeinsames Projekt verstanden werden, bei dem Mitarbeitende aktiv einbezogen werden. In der Praxis hat es sich bewährt, freie Tage flexibel zu gestalten, statt pauschal den Freitag zu schließen – insbesondere in Branchen, die auf Kundinnen- und Kundenkontakt angewiesen sind. Während der Pilotphase sollten Kennzahlen wie Produktivität, Krankheitsquote, Zufriedenheit der Mitarbeitenden und die Entwicklung im Recruiting regelmäßig erfasst werden. So kann das Konzept datenbasiert angepasst und gegebenenfalls schrittweise auf weitere Unternehmensbereiche ausgedehnt werden.

